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Habichtswald-Klinik Unser Informationsservice zum Thema:
Pancakarma in Deutschland Pancakarma - Grundlagen Der Pancakarma kennt viele unterschiedliche Therapieformen. Seit ältester Zeit nimmt das sogenannte Pancakarma eine Sonderstellung ein. Dieses Therapieregime wird in den ältesten – noch existierenden – ayurvedischen Lehrwerken beschrieben und hat über viele Jahrhunderte eine starke Verfeinerung erfahren. Pancakarma heißt übersetzt „fünf Handlungen“ oder „fünf Behandlungen“. Mit diesem Begriff werden fünf besonders effiziente Behandlungsmethoden zusammengefasst. Gemäß dem Ziel des Ayurveda, „die Gesundheit des Gesunden zu schützen und die Krankheit des Kranken zu behandeln“, kann Pancakarma sowohl in der Krankenbehandlung als auch zur Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden. Die „internistische Schule“ unter den ayurvedischen Ärzten, die auf der Caraka-Samhita fußt, zählt zu den „fünf Behandlungen“:
1. Vamana (Therapeutisches
Erbrechen) Im Laufe der Zeit hat sich jedoch die Auffassung der mehr „chirurgisch“ orientierten Schule ayurvedischer Ärzte durchgesetzt, die in der Tradition der Susruta-Samhità (nach dem Kommentator Dalhana folgende Behandlungsmethoden zum Pancakarma zählen:
1. Vamana (Therapeutisches
Erbrechen)
Das Pancakarma weist für den
Patienten körperlich beanspruchende Therapien auf. Einer Analogie der
Caraka-Samhità folgend muss der Patient mit äußerlichen wie innerlichen
Ölanwendungen (Snehana) und Wärmebehandlungen (Svedana) auf die fünf
Hauptbehandlungen des Pancakarma vorbereitet werden. Man kann also im Verlauf
eines Pancakarma-Verfahrens drei Phasen unterscheiden: Soweit eine kurze Charakterisierung der Pùrvakarma („Vorbehandlung“), denen die Behandlungen aus dem Bereich der Pradhànakarma („Hauptbehandlungen“) folgen. Wir richten uns bei der Beschreibung dieser Behandlungen nach der heutzutage anerkannten Lehrmeinung (wie beispielsweise in dem Standardwerk von H.S. Kastùre: Ayurvediya Pancakarma-Vijnàna oder auch bei R. H. Singh u.a.), die in der Abfolge dem System des Dalhana (s.o.) folgt. Auch die therapeutischen Erfahrungen mit Pancakarma, wie wir sie seit vielen Jahren in der Ayurveda-Sektion der Habichtswald-Klinik Ayurveda, Kassel sammeln durften, gehen hier ein. 1. Vamana („Therapeutisches Erbrechen“): Diese Therapie ist – ayurvedisch ausgedrückt - indiziert bei Kapha-Aggravation vor dem Hintergrund einer Kapha-dominierten Konstitution, hat also eine vergleichsweise enge Indikation. Als Beispiele seien genannt: Chronische schleimige Erkrankungen der Atemwege, „Metabolisches Syndrom“ mit starkem Übergewicht (Medoroga, die Übersetzungen ayurvedischer Krankheitsbezeichnungen nehme ich nur vorsichtig vor), Ohrenerkrankungen u.a. Kontraindikation für Vamana sind eine Vàta-dominierte Konstitution, starke Vàtastörungen, insbesondere, wenn sie mit Schwächung und Kachexie einhergehen. Am Beispiel dieser Behandlung wird auch deutlich, dass im Ayurveda neben der „Krankheitsdiagnose“ immer auch die Konstitution, auf deren Boden ja die Krankheit entstanden ist, betrachtet werden muss. Treten beispielsweise chronische, schleimige Erkrankungen der oberen Luftwege bei Patienten mit Vàta- oder Pitta-dominierter Konstitution auf, so werden sie im Rahmen des Pancakarma mit Abführen (Virecana) und nicht mittels therapeutischen Erbrechens behandelt. Durchführung: Ein Patient, der die „Vorbehandlungen“ durchlaufen hat, trinkt zunächst zügig etwa zwei Liter lauwarme Milch (um gleichsam das Kapha zu lösen) und anschließend ein Brechmittel (z.B. Salzwasser aus einer Thermalsolquelle) bis das Erbrechen eintritt. Einfuhr- und Ausfuhrmengen, die Anzahl der Brechvorgänge (Vega) sowie Pulsfrequenz und Blutdruck werden während dieser Prozedur engmaschig kontrolliert. Das Vamana muss unbedingt ärztlich begleitet werden, denn es stellt die komplikationsträchtigste Maßnahme unter den Pancakarma-Behandlungen dar. Bei richtiger Indikationsstellung ist es jedoch eine Therapie von außerordentlicher Effektivität. 2. Virecana („Abführen“): Virecana bezeichnet Abführen durch perorale Gabe eines Abführmittels. Virecana hat ein sehr weites Indikationsspektrum und nur wenige Kontraindikationen wie etwa starke Schwäche, Exsikkose, akut auftretendes Fieber u.a. Durchführung: Nach entsprechender Vorbehandlung erhält der Patient morgens nüchtern ein pflanzliches Abführmittel, je nach Konstitution ölig (Rizinusöl) oder trocken (eine besondere Kräutermischung). Im Anschluss soll viel warme Flüssigkeit getrunken werden. Als Erfolgskontrolle dient die Anzahl der Stuhlabgänge ebenso wie die Veränderung des Stuhls in Hinblick auf Farbe und Konsistenz. Idealerweise sollte der Stuhl gegen Ende des Abführens flüssig, klar und gallig (von grün-gelblicher Farbe) sein. 3. Basti: Im engeren Sinne bezeichnet Basti (oder Vasti) die Gabe besonderer Substanzen in den Darm „mittels eines Behältnisses“. Diese Darmeinläufe sind nicht nur abführend wirksam, sondern man kann mittels Darmeinläufen auch spezifisch Erkrankungen behandeln oder sogar Roborierung und Gewichtszunahme bewirken. Nach Zusammensetzung und Therapieziel unterscheidet man ganz allgemein zwei Gruppen von Darmeinläufen: a) Nirùha Basti, diese enthalten als Hauptbestandteil eine wässrige Kräuterabkochung. b) Anuvàsana Basti, die hauptsächlich eine ölige Substanz enthalten. Je nach Zustand des Patienten kommen ganz unterschiedliche Rezepturen zum Einsatz; viele Hunderte solcher Rezepturen finden sich in alten und neuen ayurvedischen Handbüchern. Durchführung: Bastis werden fast niemals isoliert gegeben; in der Regel gibt man mehrer Tage lang unterschiedliche Bastis. Ein häufige Abfolge in unserer klinischen Praxis sieht folgendermaßen aus: am ersten Tag ein öliger Basti, am zweiten Tag ein Basti mit Kräuterabkochung, am dritten Tag wieder ein öliger Basti wie am ersten Tag und am vierten Tag ein nährender Darmeinlauf. Die klassischen Basti-Protokolle umfassen 8 (Yoga-Basti), 16 (Kàla-Basti) oder 32 Darmeinläufe (Karma-Basti). Neben Zusammensetzung und Abfolge spielt auch die Tageszeit, in welcher der Basti gegeben wird, eine bedeutende Rolle für den Therapieverlauf. 4. Nasya („ausleitende Behandlung für den Kopfbereich“ auch Sirovirecana genannt): Diese Therapieform gilt als besten Behandlungsmethode für Erkrankungen des Kopf-Hals-Bereiches („oberhalb des Schlüsselbeines“, so Astàngahrdayasamhita, Sùtrasthàna 20.1), hierzu zählen Augen-, Mund-, Ohrenerkrankungen, Cephalgien unterschiedlicher Art bis hin zu Nackenbeschwerden. Durchführung: Im Nasya wird die Folge von vorbereitenden und hauptsächlichen Behandlungen im kleinen wiederholt. Zunächst wird der Kopf des Patienten mit einem besondern Öl massiert („lokale Ölbehandlung“), er inhaliert dann („lokale Wärmeanwendung“) ehe das eigentliche Naya beginnt. Die Behandlung besteht darin, dass spezielle Öle, denen Kräuter hinzu gesetzt werden, mittels einer Pipette in die Nasengänge gegeben werden. Wie bei den Bastis werden auch beim Nasya, je nach Indikation, unterschiedliche Öle verwendet, und man gibt Nayas gerne über mehrere Tage in einer besonderen Abfolge. 5. Raktamoksana („Aderlass“): Dies ist eine Behandlungsmethode für Erkrankungen, bei denen – nach ayurvedischer Lehre – das Blut „verunreinigt“ ist. Dazu zählen beispielsweise viele Hauterkrankungen. Im Ayurveda wird die Applikation von Blutegeln, das Schröpfen und auch die Venenpunktion (Siràvyadha) empfohlen. Durchführung: In der klinischen Praxis in Deutschland hat sich die Venenpunktion bewährt. Nach entsprechender Vorbereitung, auch mit Ganzkörpersynchronmassage und Dampfbad am vorhergehenden Tag, wird mittels eines Blutentnahmebestecks eine Vene punktiert und man lässt – ohne Stauung des proximalen Venenverlaufs – zwischen 50 ml und 350 ml Blut ablaufen. Die Aufzählung, wie sie hier gegeben wird, stellt auch eine Reihenfolge dar. In der klinischen Praxis heißt das, dass der Arzt zunächst – je nach Konstitution und Erkrankung – entscheiden muss, welche Behandlungen aus dem Pancakarma überhaupt indiziert sind. Dann werden Reihenfolge und zeitliche Abstände zwischen den einzelnen Behandlungen (z.B. soll zwischen dem Abführtag und dem ersten Darmeinlauf mindestens ein zeitlicher Abstand von zwei Tagen liegen) geplant; sind etwa Abführen, Darmeinläufe und ein Aderlass indiziert, so werden sie auch in dieser Reihenfolge durchgeführt. Schon diese, kurzgefasste Übersicht zeigt, dass Planung und Durchführung eines Pancakarma-Therapieverfahrens eine Aufgabe entsprechend ausgebildeter Ärzte ist. Vor Selbstbehandlungen oder Behandlung durch nicht entsprechend qualifizierte Therapeuten sei hier gewarnt. Je nach Indikation und Zustand des Patienten werden noch unterschiedliche „Nachbehandlungen“ (Pascàtkarma) durchgeführt. Nachdem während einer Pancakarma-Therapie über lange Zeit nur schonende Kost gereicht wird, ist die erst Maßnahme bei den „Nachbehandlungen“ ein Kostaufbau (Samsarjana); in der Praxis sieht das so aus, dass in dieser Phase wieder ein wenig Rohkost in Form von Salaten gegessen werden kann und die Nahrung insgesamt stärker gewürzt ist, als in der ersten Therapiephase. Die klinische Ayurveda-Kost ist jedoch immer rein (lakto-vegetarisch). Das Pancakarma kann mit unterschiedlicher therapeutischer Intention durchgeführt werden. Dem Gesunden dient es zur Stoffwechselstimulation und damit krankheitsvorbeugend. Bei anderen Zuständen, kann man das Pancakarma zum Beispiel zur Einleitung einer spezifischen Dauertherapie einsetzen, das heißt, es wird zunächst ein Pancakarma-Therapieverfahren durchgeführt und anschließend beginnt eine krankheitsspezifische Therapie etwa mit Selbstmassage mittels besonderer Öle oder phytotherapeutische Nahrungsergänzung. Aus ayurvedischer Sicht geht man davon aus, dass die vorangegangene Ausleitung die Wirkung solcher spezifischer Maßnahmen steigert oder gar erst ermöglicht. Es kann aber auch indiziert sein, erst eine längere Vorbereitungsphase mit entsprechender Nahrungsergänzung (im Sinne von Pàcana, s.o.) zu durchlaufen, um dann den solchermaßen vorbereiteten Menschen einer effektiven ausleitenden Behandlung, wie sie das Pancakarma darstellt, zu unterziehen. In der Klinik erfolgt in jedem Falle am Ende des Pancakarma-Therapieverfahrens eine ausführliche, individuelle diätetische Beratung. Über viele Jahrhunderte hat die Pancakarma-Therapie ein großes Ansehen erlangt, so dass der Begriff Pancakarma zum Synonym für effiziente Therapie schlechthin wurde. So gibt es im Südwesten Indiens eine besondere Therapieform, die als Keraliya Pancakarma (Pancakarma in Kerala) bezeichnet wird. Das Keraliya Pancakarma, von weisen Ärzten dieser Region über lange zur Vollendung gebracht, umfasst folgende fünf Anwendungen (siehe Devaràj, 1972):
1. Dhàrakarma
(Stirngüsse mittels besonderer Öle oder Abkochungen) Diese kurze Übersicht zeigt, dass Keraliya Pancakarma mit der klassischen Pancakarma -Therapie wenig gemein hat. Die aufgeführten Behandlungen zählen nach alter Auffassung zu den sogenannten „Vorbehandlungen“ (Pùrvakarma) und werden als solche auch angewendet. Viele Forschungsergebnisse zeigen, dass dies sehr wirkungsvolle Behandlungsmethoden sind. Auch die klassische Pancakarma -Therapie – wie oben beschrieben – bewährt sich in der Gegenwart. In vielen Publikationen ist die Wirksamkeit des Pancakarma für Patienten und Erkrankungen unserer Tage demonstriert worden. Nach den Erfahrungen an der Ayurveda-Sektion der Habichtswald-Klinik Ayurveda, Kassel, (mit über 500 stationären Patienten jährlich) und anderen Ayurveda-Zentren ist diese Behandlungsmethode auch in der westlichen Welt auf dem Vormarsch. Insbesondere in einer Situation, in welcher der Patient effiziente Therapie über kurze Zeiträume benötigt (in Kassel empfehlen wir einen zwei- bis dreiwöchigen Klinikaufenthalt zur Durchführung eines Pancakarma-Verfahrens), bewährt sich diese uralte Therapiemethode. Die klinische und theoretische Erforschung der Pancakarma-Therapie in Deutschland steckt gegenwärtig noch in den Kinderschuhen, doch hier wird in den nächsten Jahren sicherlich viel Neues zu erwarten sein. Zur Illustration der Erörterungen verweise ich auf die Fallbeispiele „Schlafstörung“ und „Metabolisches Syndrom“. LITERATUR
ASTANGAHRDAYA (A COMPENDIUM OF THE AYURVEDIC SYSTEM) composed by
Vàgbhata with the Commentaries ‘Sarvàngasundarà’ of Arunadatta
and ‘Ayurvedarasàyana’ of Hemàdri. Collated by Annà Moreswar Kunte und Krisna
Ràmchandra Sàstri Navre, edited by Bhisagàchàrya Harisàstri Paràdkar Vaidya with
the help of old manuscripts giving different readings, explanatory foot-notes,
adding Hemadri’s Commentary, Reprinted, Varanasi 1995 (Krishnadas Ayurveda
Series 4) Ananda S. Chopra (Dr. Kalyani Chopra, Leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik Kassel)
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